Unterscheiden sich Christen von Nichtchristen durch den Kirchenbesuch, das Zahlen der Kirchensteuer oder die Mitgliedschaft in einer Gemeinde? Albert Schweitzer hat dazu launig bemerkt: "Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich - man wird auch kein Auto, wenn man in einer Garage steht."
Welches also sind Merkmale von Christen, bzw.
von Gläubigen? Muss man getauft sein oder
konfirmiert? Sind Katholiken die wahren Christen oder Baptisten? Wer
legt das eigentlich fest? Das kann doch nur Gott sein!
Und vor Gott zählt dieses alles nicht! Bei Gott
gibt es nur einen Maßstab: die Berufung, "denn welche Er
vorher ausersieht, diese beruft Er auch, welche Er beruft, diese
rechtfertigt Er auch, welche Er aber rechtfertigt, diese verherrlicht
Er auch" (Röm. 8:30). Gott wählt aus, wer bereits hier zum Glauben kommt (Eph. 1:4) und somit zur Rettung vorgezogen wird (2.Thess.2:13).
Nicht alle aber, die Er beruft, können diese Berufung
auch ausleben, nicht umsonst ermahnt der Apostel Paulus: "Ringe den
köstlichen Ringkampf des Glaubens. Ergreife das äonische
Leben, zu dem du berufen wurdest!" (1.Tim. 6:12). Es gibt also
Berufene, die in diesem Kampf noch unterlegen sind und daher von Außenstehenden nicht als
Christen erkannt werden können - Gott teilt schließlich jedem Berufenen ein unterschiedliches Maß des Glaubens zu (Römer 12:3).
Nicht jedes Mitglied einer Kirche wird also ein von Gott berufener Christ sein.
Die wahre "Kirche" ist auch keine sichtbare Institution, sondern sie ist "unsichtbar" (Begriff von John Wyclif, 1330-1384); sie umfasst alle jemals von Gott erwählten Menschen, die nur zum Teil Mitglieder in religiösen Organisationen sind. Diese Menschen bilden die Ekklesia, die herausgerufene Gemeinde Christi (z.B. Eph. 1:22) oder bildlich den Körper Christi als seine Glieder (Römer 12:5, 1.Kor.12:12-27).
Nur Gott weiß also, wer berufen ist. Kein Mensch
kann einem anderen diese Berufung absprechen oder garantieren.
Jan Hus, ein Prager Prediger und Universitätsdozent, verbreitete diese biblischen Aussagen in der Tradition des John Wyclif und stellte damit die Daseinsberechtigung aufwendiger Kirchenorganisationen in Frage. Dies erregte freilich den Unwillen der katholischen Kirche und führte schließlich dazu, dass er sich am 6. Juli 1415 auf dem Scheiterhaufen wiederfand.
Gerade aber durch diesen Märtyrertod wurde Jan Hus Wegbereiter eines Christseins außerhalb von Kirchenstrukturen, wie es dann beispielsweise von den Täufern und später Pietisten praktiziert wurde. Bei diesem "Priestertum aller Gläubigen" werden außer Christus (1.Tim.2:5) andere Mittler (wie Priester und Pastoren) zwischen Gott und Mensch abgelehnt. Diese Christen treffen sich in kleinen Gruppen, sog. Hauskreisen oder Konventikeln, in denen gemeinsam, gleichberechtigt und bewußt frei von traditonellen Lehrmeinungen in der Bibel studiert wird und wo man sich beim Umsetzen dessen im Alltag gegenseitig unterstützt. Diese Orientierung am Wort Gottes ist leider in vielen Kirchen nicht mehr anzutreffen.
Landeskirchen langweilen damit, dass die im günstigen Fall gute Predigt in einem monoton abzuarbeitenden Liturgierahmen gezwängt wird. Manche Freikirchen überbieten sich dagegen in dem Bemühen, modern zu wirken: Die Predigt wird eine unterhaltsame Rede zu Lebenshilfefragen, zwischen poppiger Musik (vorgetragen vom "Lobpreisteam") und dem anschließenden "Kirchenkaffee", der das als besonders hohes Gut angesehene Gemeinschaftsgefühl stärken soll. Hier besteht die Gefahr, dass der Mensch sich selbst statt Gott feiert und Gemeindeaktivitäten in den Mittelpunkt geraten. Die Teilnahme daran ist also nicht unbedingt Ausweis der geschehen Berufung durch Gott, kann aber durchaus ein Hinweis sein.
Alleinig am Verhalten des Menschen kann man also Hinweise darauf finden, ob es ein Christ ist. Im Folgenden werden einige Verhaltensänderungen beschrieben, die bei Christen nach ihrer Berufung ("Bekehrung") je nach Glaubenswachstum in unterschiedlich starkem Maß zu beobachten sind.
Gläubige haben "würdig" zu wandeln ihrer hohen Berufung (Eph.4:1; Phil. 1:27; Kol. 1:10; 1.Thess.2:12). "Fürsten müssen fürstliche Gedanken haben" (vgl. Jes. 32:8). Das Wesen ihres Adels ist Christus in ihnen (Röm. 8:1). Im Sohne des Höchsten sind sie zu Söhnen bestimmt. Darin liegt ihr Reichtum und ihre innere Hoheit. »Er in ihnen und sie in Ihm« das ist das Geheimnis des neuen Lebens. Damit sind sie zugleich Abbilder des Vaters. Denn der Sohn ist das Bild Gottes (Kol. 1:15, Hebr. 1:3). »So sollt ihr nun vollkommen sein, wie euer Vater, der himmlische, vollkommen ist« (Matth. 5:48 vgl. 1.Petrus 1:15,16). Dies ist ihre Würde und allerhöchste Verpflichtung, ihre Gabe und Aufgabe, ihre Adelstellung und ihr Beruf. Von hier aus strahlt ihr Adel nach allen Seiten und beeinflusst alle Beziehungen ihres Daseins positiv.
Göttlich geadelte Menschen sind frei von den Fesseln der Sünde (Röm. 6:18; Gal. 5:1). Sie sind von Gott befreit worden von den Zwängen des Egos und der Gesellschaft. Versuchungen können sie gottgeschenkte Siegeskraft entgegensetzen. »Denn Sünde wird nicht Herrschaft über euch haben« (Röm. 6:14).
Göttlich geadelte Menschen stehen in Freiheit über dem Kleinklein des Alltags. Denn sie können dies relativieren, wenn sie ihren Platz im Plan Gottes erkennen können. Darum ist ein Wandel in der Berufung zugleich ein Leben in heiliger Sorgenfreiheit. "Sorgt euch um nichts, sondern lasst eure Bitten im Gebet und Flehen vor Gott bekannt werden" (Phil.4:6).
Göttlich geadelte Menschen sind frei vom menschlichen Urteil (1.Kor.4:4; Gal. 1:10). Bei aller Rücksichtnahme auf die Menschen um des christlichen Zeugnisses willen (Eph. 5:15; Röm.14:18, 15:31b) lehnen sie alle Anbiederung an Menschen ab (1.Kor.7:23), ebenso Augendienerei (Kol.3:22), Menschenfurcht, Abhängigkeit von Mode und Zeitgeist und überhaupt jedes Hin- und Hergeworfenwerden von den wechselnden Schwankungen weltanschaulicher und religiöser Zeitströmungen. Ein Diener des Herrn weiß: »Vor den Menschen ein Adler, vor Gott ein Wurm.« So verbindet er Demut mit Hochgefühl, Bescheidenheit mit Adelsbewusstsein, Unterordnung mit königlichem Darüberstehen. Darum schämt er sich auch seines himmlischen Herrn nicht und sollte vor den Menschen ein mutiger Bekenner sein (Röm. 1:16; Mark.8:38).
Göttlich geadelte Menschen haben eine Großzügigkeit des Denkens. Sie verlieren sich nicht im Materiellen und Kleinlichen. Sie können tragen, vergeben, dienen (Matth.20:26,27; Joh. 13:3-5; Luk. 12:37b) und lieben (Jak. 2:8). Und in der Liebe, die ja das Grundwesen ihres himmlischen Vaters ist (1.Joh.4:16), liegt auch der eigentliche Adel ihrer Gesinnung (Matth. 5:44,45). »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan, und ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan« (Luther).
Göttlich geadelte Menschen haben Freude an der irdischen Schöpfung. Sie freuen sich der Natur als eines Tempels ihres himmlischen Vaters. Sie sehen Seine Weisheit in den Werken Seiner Allmacht (Röm. 1:20) und nehmen dankbar das Geschöpfliche aus den Händen des großen Schöpfers. Königlich stehen sie über dem irdischen Besitz. Sie haben möglicherweise Geld; aber das Geld hat nicht sie! Sie sind Besitzer und doch nur Verwalter (1. Kor. 7:30; 1.Tim.6:7-9 vgl. Apg. 4:32), Gesegnete und Segnende, Beschenkte und Schenkende, klug in Bezug auf das wahrhaft Bleibende; denn »die Gestalt dieser Welt vergeht« (1.Kor.7:31b).
Göttlich geadelte Menschen sind Herrscher über ihren Körper. Beherrschung seiner Triebe, Selbstzucht in Haltung und Auftreten, Disziplin, Dienstbarmachung der Glieder als Werkzeuge der Gerechtigkeit (Römer 6:13) kurz, Bejahung des Körperlichen in Würde und Heiligung ist ein Teil des von Gott geschenkten Adels. Dies alles aber zugleich im Bild auf die zukünftige Freilösung unseres Körpers (Röm. 8:23).
Göttlich geadelte Menschen leben in dem Bewußtsein ihrer Aufgabe. Sie haben persönliche, kulturelle und menschheitliche Ehre, und darüber hinaus noch die Ehre, zur Familie des großen Gottes zu gehören, des Herrn aller Herren, des Allherrschers des Universums. Darum wissen sie, Würde zu bewahren, alles Seichte und Unedle zu vermeiden, alles Inhaltlose und Niedere zu verneinen und in heiliger Würde, gottgeadelter Natürlichkeit, königlicher Freiheit würdig zu wandeln ihrer Berufung.
Göttlich geadelte Menschen suchen den ständigen Kontakt zu ihrem Herrn, das heißt, sie befinden sich dauernd in einer Gebetshaltung ("Betet unablässig", 1.Thess.5:17). Sie lassen sich durch selbständiges und regelmäßiges Bibelstudium Sein Wort "reichlich innewohnen" (Kol. 3:16). Theologie ist für sie Lebensarbeit - sie sind immer bereit, selbstverständlich gewordene Standpunkte anhand der Bibel zu hinterfragen. Sie leben zwar idealerweise in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter, sehe sich aber als Individuen, die eine persönliche Beziehung zu Gott, ihrem Vater genießen.
Göttlich geadelte Menschen leben in der Vorfreude ihrer kommenden Herrlichkeit. Bei aller Bejahung des Irdischen ist ihr Hauptziel das Himmlische. So geben sie dem Irdischen zwar sein Recht, dem Himmlischen aber das Vorrecht. Ihre Heimat ist in den Himmeln (Phil.3:20), im Licht (Kol. 1:12). Sie suchen, was droben ist (Kol. 3:1).
Nur wenn Menschen diese Gebrauchsanweisungen für das Leben beherzigen; wenn Christen die von Gott geschenkte Gesinnung auch umsetzen, wird das Leben glücklich und erfolgreich sein können. Denn nur dann kommen sie ihrer Bestimmung nahe, die ihnen von ihrem Schöpfer ins Herz gelegt wurde: Gott zu erkennen und dieses Leben als Vorbereitung zu sehen für das, was kommt. Christen, die das verstanden haben, konzentrieren sich auf das Wichtige und Wesentliche im Leben. Sie setzen die richtigen Prioritäten. Sie sind in der Lage, Ballast, den sie mit sich herumschleppen, als solchen zu erkennen und ihn rechtzeitig abzuwerfen. Das können ungute Beziehungen und schlechte Angewohnheiten, aber auch Irrlehren und falsche Einstellungen sein.
Ideen
aus "Der König der Erde" von Erich Sauer [7].
Siehe auch:
Cloud, Dr. Henry: Lebe und sei erfolgreich!, Hänssler Verlag, Holzgerlingen, 2006 (Neun biblisch begründete Prinzipien, um im Leben und der Liebe erfolgreich zu sein).