Eine kurze Übersicht über die Zeitalter der Bibel

Bei der folgenden Übersicht wird versucht, die Geschichte der Bibel nach dem Beispiel der gegenwärtigen "Verwaltung der Gnade" (Eph. 3:1-11) zu strukturieren. Eine Verwaltung, griechisch oikonomia (wörtlich "Hausgesetz") kann also als eine Zeitspanne in Gottes Heilsplan definiert werden, in der eine bestimmte charakteristische geistliche Zielsetzung erkannt werden kann, die sie von anderen unterscheidbar macht. Sie läßt den Menschen dieser Zeit gewisse Gaben, Segnungen und Güter zukommen, die es zu anderen Zeiten so nicht gegeben hat, gleichwohl die Grenzen nicht scharf gezogen werden können.
Ein neuer Äon beginnt dagegen mit der völligen Auflösung der alten Ordnung (Äon wird mit Welt, gr. kosmos = "Geordnetes" gleichgesetzt, Eph. 2:2), wie beispielsweise mit der Flut oder dem Beginn des 1000-jährigen Reichs.
Es gibt unterschiedliche Vorstellungen, wie viele Zeitabschnitte in diesem Sinn die Bibel beschreibt. Augustinus, der einflußreiche Kirchenvater, ging in seinem Werk "Vom Gottesstaat" (geschrieben 413-427) von sieben Weltzeitaltern aus. Eine bekannte Version, die auch in der "Scofield-Bibel" dargestellt ist, hat John Nelson Darby (1800-1882), der Gründer der "Plymouth Brethren", unter der Bezeichnung "Dispensationalismus" (lat. dispensatio = Einteilung, Zuteilung, Verwaltung) vorgeschlagen. Wichtig ist, nicht aus der Anzahl ein Dogma zu machen, sondern zu erkennen, dass Gott im Laufe der Zeit unterschiedliche Bedingungen geschaffen und Vorgaben gemacht hat, um letztendlich alles zu dem großen Ziel zu führen.
Anweisungen, Gaben und Verheißungen, die zu einer bestimmten Zeit einem bestimmten Empfängerkreis gegeben wurden, können also nicht auf andere Zeiträume bezogen werden, sonst entstehen verwirrende Widersprüche. Dieser grundsätzliche Irrweg ist allerdings weit verbreitet, beispielsweise wenn man meint, uns sei die Gabe des Zungenredens oder des Heilens verheißen (die in die Pfingstverwaltung gehören, s.u.), das Halten des Sabbats (bzw. Sonntags) empfohlen wird (also dieser Tag für bestimmte religiöse Handlungen reserviert ist) oder wenn gemeint wird, man solle jetzt schon das Königreich auf Erden (Millennium) aufbauen, das aber zukünftig ist.
Die folgende Darstellung lehnt sich an den Vorschlag von J.N. Darby in der Überarbeitung von A.E. Knoch (1874-1965) an:

Dispensationen nach Knoch

Die Geschichte der Menschheit beginnt mit Adam (hebr.: Mensch) im Garten Eden. Diese Zeit unterscheidet sich von anderen durch die Abwesenheit der Sünde im Menschen, die sog. "Verwaltung der Unschuld". Adam hat dann von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gekostet (1. Mose 2:3-13), womit Sünde in die Welt der Menschen eintrat, damit sie durch das Vorhandensein des Bösen, eigener Verfehlungen und Schwächen das Gute (und damit Gott) erst erkennen können:

Die gesamte Menschheitsgeschichte danach war davon geprägt. Zunächst nur dem Gewissen als Kontrollorgan unterstellt, verkommt die damalige Menschheit moralisch - die negativen Eigenschaften, die Gott in den Menschen gelegt hat, werden überdeutlich. Gott vollzieht einen harten Schnitt, indem Er bis auf Noah und seine Familie die verdorbende Menschheit in der Sintflut (um 3200 v. Chr.) umkommen läßt. Die ehemalige Welt, der erste Äon, ist zu Ende (2.Petrus 2:5; 3:6).

Es beginnt ein neuer Äon (Gal. 1:4), die heutige Welt (1. Kor. 7:31; Eph. 2:2). Nun sollten Regierungen (1. Mose 9:5-6) versuchen, die Sünde einzudämmen. Gott schuf Unterschiede zwischen den Menschen und damit verschiedene Nationen, indem Er Sprachbarrieren aufbaute (Turm von Babel: 1.Mose 11:6-9).

Mit Abraham und der ihm von Gott gegebenen Verheißung, ihm ein Land und Volk zu geben und durch dieses Volk alle anderen Völker zu segnen, beginnt die Verwaltung des Gesetzes etwa 1500 Jahre nach der Flut. Dieses auserwählte Volk, Israel, wurde aus der ägyptischen Herrschaft befreit und von Gott zu dem verheißenen Land geführt (um 1540 v. Chr.) Israel bekam ein Gesetz, dessen Kern die 10 Gebote sind. Obwohl mittlerweile im Land der Verheißung angelangt, versagten sie wieder und wurden von heidnischen Völkern regiert. Das Volk erhielt Könige (Saul, David). Dennoch waren immer wieder Propheten notwendig, um das Volk zu warnen. Israel versagte weiterhin (2. Chron. 36) und Gott lässt sie von den Assyrern überfallen (um 722 v. Chr.).
In der Zeit um die Kreuzigung zeigt sich, dass Israel selbst vor dem fleischgewordenen Jesus keinerlei Respekt hat. Jesus war nur gesandt, um aus Israel endlich das Volk zu machen, das alle anderen segnen kann (Mat. 15:24). Entsprechend dem Plan Gottes konnte Israel Jesus nicht annehmen (Apg. 4:26-28; Joh. 1:11), sondern ganz im Gegenteil: es ermordete Ihn. Das Kreuz, Mittelpunkt aller Äonen, symbolisiert einen Scheidepunkt. Zum einen demonstriert es in beispielloser Weise die unfreiwillige Verblendung der Menschen (2. Kor. 4:4; Römer 9:14-18), gleichzeitig wird aber das Fundament gelegt für das kommende Gnadenwerk Gottes. Diese Zeit ist daher auch am deutlichsten in der Bibel beschrieben. Je weiter weg ein Geschehnis bzw. eine Prophezeihung vom Kreuz ist, desto unklarer ist die Beschreibung in der Bibel (Perspektivischer Grundsatz).

Zu Pfingsten werden die Kräfte des künftigen Äons kurz sichtbar. Doch auch bei diesem Ereignis kann Israel das Zeugnis des Geistes nicht annehmen (Apg. 13:45).

In der folgenden "Übergangsverwaltung" beruft Gott Paulus (um 34 n. Chr), um ein neues, anderes Evangelium (Röm.15:16; Gal.1:7) anderen Völkern nahezubringen. Doch Israel will in seiner eifersüchtigen Verblendung Paulus töten (Apg. 21:28 ff.). Israel wird von Gott beiseite gesetzt (Apg. 28) und Gott wendet sich nun den Nationen zu.

In der heutigen " Verwaltung der Gnade" (Eph.3:2-3) wird Paulus das Geheimnis eines neuen Evangeliums der Gnade (Röm.5:21) enthüllt. Dieses Evangelium der Unbeschnittenheit (Gal. 2:7), das uns gilt, unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von allem bisher dagewesenen (siehe Exkurs Schriftteilung). Diese Verwaltung wird beendet sein, wenn wir, die Gläubigen aus den Nationen, entrückt werden (1.Thess. 4:16; 1. Kor. 15:51-52). Die Briefe, die uns heute gelten, sind daher die Briefe des Apostel Paulus an die Epheser, Philipper und Kolosser; an Timotheus, Titus und Philemon.

Die kommende Verwaltung, die letzte dieses Äons (1. Kor. 10:11; Mat. 13:39), könnte unter der Überschrift Zorn stehen. Daniels 70. Jahrwoche (Dan. 9:24-27) beginnt sich zu erfüllen. Der Antichrist wird kommen (2. Thess 2:3) und der Tag des Herrn wird mit Gerichten anbrechen (Jes. 2:12; Off. 1:10)

Nach dieser Gerichtszeit fängt der kommende Äon (Eph. 1:21) an. Gläubige aus Israel werden auferstehen (Dan 12:2; Ps.49:16; Joh. 5:28-29) - ihr äonisches Leben beginnt. Alle Verheißungen, die Israel gegeben wurden, werden dann erfüllt. Das tausendjährige Königreich, das Millennium bricht an (Off. 11:15; Dan. 2:44) mit Jesus als König (Off. 1:7). Israel wird alle anderen Völker missionieren (Matt 28:19) und damit segnen (entsprechend der Verheißung, die Abraham gegeben wurde). Während dieser Zeit wird Satan gebunden sein (Off. 20:1-3). Optimale Voraussetzungen zu einem gottgefälligen Leben! Doch Gott wird die Menschheit am Ende nochmal ihre Grenzen aufzeigen, indem Er Satan wieder freilässt (Off. 20:3). Es kommt zur apokalyptischen Katastrophe, die Erde verbrennt (2. Petr. 3:7-12).

Der Äon der Äonen (Eph. 3:21) im Heilsplan Gottes wird durch das Gericht vor dem großen weißen Thron (Off. 20:11) vorbereitet. Buchrollen werden entrollt (Off. 20:12), jeder bis dahin Ungläubige nach seinen Werken gerichtet und stirbt danach den zweiten Tod. Satan wird nicht mehr wirken können (Matt. 25:41; Off. 20:10). Durch die Zerstörung der alten Welt ist der Platz frei für einen Neuen Himmel und eine Neue Erde (2. Petr. 3:13; Off. 21:1). Zorn, Trauer, Geschrei und Pein wird nicht mehr sein (Off. 21:4). Noch gibt es aber Unterschiede zwischen den Menschen: Israel genießt noch die Vorzugstellung als Gottes Volk und wird zum Herrschen über andere Nationen eingesetzt (Offb. 21:12; 22:5). Das wunderbare Ziel von Gottes Heilsplan ist also noch nicht erreicht. Dies ist der letzte Zeitabschnitt, der ein Ende haben wird!

Nach allen Zeiten und Verwaltungen wird der letzte Feind, der (zweite) Tod, abgetan werden (1. Kor. 15:26), alle werden lebendig gemacht (1. Kor. 15:22-28). Gott wird alles in allen sein, Er hat dann Sein Ziel mit der Schöpfung erreicht (1. Kor. 15:28; Röm. 11:36).

Siehe auch Exkurs Tod und letzte Dinge und Gottes Zeitplan.


Dispensationen nach Bullinger

E.W. Bullinger (1837-1913) verfolgte in seinem Werk "The Foundations of Dispensational Truth" (hier in deutscher Übersetzung) einen leicht abweichenden Ansatz, aber mit fast gleichem Ergebnis. Er untersuchte mit Heb. 1:1-2 als Ausgangsstelle, wie Gott zu welchen Menschen gesprochen hat und ordnete die Bücher der Bibel diesen Dispensationen zu:

 

Gott redet…

Empfänger

Zeitraum

Bücher der Bibel

Bemerkungen

1.

direkt zu einzelnen Menschen.

Adam, Eva, Kain, Abel, […], Noah

Adam bis zu Berufung von Mose

1. Mose
- 2. Mose 3:10

Ehemaliger Äon/ehemalige Welt (2. Petrus 2:5; 3:6)

2.

durch Propheten (Heb. 1:1).

Israel

bis zu Johannes, dem letzten und größten Propheten (Matt.11:11).

2. Mose, AT, NT bis Matth 3:11 (bzw. Entsprechungen in den anderen Evangelien)

Israel ist Gottes ausgewähltes Volk.

3.

durch Seinen Sohn Jesus (Heb. 1:2; 2.Mose 18:18-19).

Israel

bis zur Himmelfahrt Christi

4 Evangelien

Ankündigung des Königreiches auf Erden für Israel.

4.

durch die, die Ihn gehört haben (Heb. 2:3-4).

Israel

bis zur endgültigen Ablehnung durch Israel (Apg. 28:25-28).

NT-Briefe, die bis zu Apg. 28:25-28 (62 n. Chr.) geschrieben waren: Apg., Petrus, Jakobus, Judas, Hebräer, Korinther, Galater, Thess., Römer.

Ruf zur nationalen Buße an das Volk Israel bleibt ungehört; endgültige Ablehnung; Paulusbriefe dieser Zeit gelten als Übergangsbriefe.

5.

durch Paulus (Eph. 3:1-12; 2. Tim. 1:8).

Nationen (griechisch: ethnos). Auch gebürtige Israeliten gehören dazu, es gibt keine Unterschiede.

Ab der endgültigen Ablehnung durch das Volk Israel.

Späte Briefe von Paulus (sog. Gefangenschaftsbriefe und Pastoralbriefe): Epheser, Philipper, Kolosser, Timotheus, Titus und Philemon.

Himmlische Erwartung (Phil. 3:20-21,
Eph. 1:3, 23, 2:6, 19); Verwaltung (Dispensation) der Gnade (Eph. 3:1-10) im krassen Unterschied zur irdischen Erwartung und zur Herrschaft des Gesetzes für Israel.

6.

durch Johannes.

Israel

 

Offenbarung

Beschreibung von Millennium und "Neue Himmel und Neue Erde": Irdisches Erwartungsgut für Israel.

Bullinger schreibt dazu: Wichtig ist zu erkennen, dass "Paulus die kostbaren Lehren festhielt, die bisher verborgen waren und nicht bekannt gegeben werden konnten, bevor Christi Leiden, Sterben, Auferstehung und Himmelfahrt tatsächlich stattgefunden hatten; denn sie haben all dies zur Voraussetzung. Diese Lehren finden sich ausschließlich in den Briefen aus der Gefangenschaft (Epheser, Philipper und Kolosser) und hierher gehören auch die Briefe an Timotheus, Titus und Philemon" (S. 12). Er hofft, dass man geheilt wird "von einer unbewussten und biblischen Kleptomanie, durch die alle Segensverheißungen von Israel genommen und der Gemeinde zugesprochen wurden" (S.93).
Mehr zu den Unterschieden zwischen diesen beiden Heilslinien hier.



Siehe auch:

Dispensationalismus: Über unterschiedliche Zeitabschnitte (oikonomia) in Gottes Heilsplan von der Bibelschule Brake

[5] Prolingheuer, Wilhelm: Hat Gott einen Fahrplan?, Konkordanter Verlag Pforzheim

[21] Schumacher, Heinz: Der Plan der Zeitalter (Äonen) Gottes, Paulus Verlag Karl Geyer, Heilbronn, 1984

[44] Mal Couch (Hrg.): Lexikon zur Endzeit, Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, 2004 (Hervorragende Darstellung des Inhalts und der Geschichte des Dispensationalismus)

[51] Arnd Bretschneider: Heilsgeschichtliche Schriftauslegung, Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, Dillenburg, 2006 (Die Bibel heilsgeschichtlich lesen, verstehen und anwenden).




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