Mit
aufmüpfigen Gedanken, die etablierte (Denk-)Systeme in Frage
stellen, tut sich die herrschende Klasse schwer, die sich wohlig in den bestehenden Verhältnissen eingerichtet hat - denn das Ketzerische schafft Aufruhr und will verändern. Oftmals ist die Angst auch sehr berechtigt, wie das
Beispiel von Dr. Martin
Luther zeigt, der am 10. Dezember 1520 in Wittenberg vor dem Elstertor die päpstliche Bannandrohung verbrannte und eine Institution anprangerte, die in seinen Augen historisch überaus belastet und geistlich inkompetent war. Diese Skepsis gegenüber selbsternannten Autoritäten und die Weigerung, es sich nicht verbieten zu lassen, selbst zu denken, zeichnet diese Menschen aus. Diese Querdenker stellen ihr Gewissen über die Anerkennung der Gesellschaft und verändern sie oft gerade dadurch.
Manchmal
entzündet sich das Ärgernis nur an einer Frage. Eine solche
lautet: „Wie kann es sein, dass jemand für Sünden,
die in einigen Jahren oder auch Jahrzehnten begangen wurden, endlos
bestraft wird?“
Diese Frage stand auch in einem Brief, den Stephan bar Sudaili, ein junger Mönch aus Edessa (heute Urfa, Türkei) um 480, einem Mitbruder um Rat bittend, stellte. Kurze Zeit später wurde er exkommuniziert, er musste Edessa verlassen und suchte Zuflucht in einem Orden von Geistesverwandten in Palästina, um Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Eines Tages, so ist überliefert, begegnete er an Abrahams Grab einem Juden, dem er seine Geschichte erzählte. Er sprach ihm zu: „Fürchte dich nicht, wenn sie dich Gottesmörder schimpfen, denn auch du wirst mit Abraham zu Tische sitzen.“ [45].
Dies
konnte er sagen, weil er an die Wiederherstellung aller Dinge glaubte, auch
" Apokatastasis panton" (nach Apg. 3:21) genannt. Diese Sicht
wurde in Alexandria von Clemens von Alexandria (150-215 n. Chr.) und
dem Kirchenvater Origenes (185-254 n. Chr.) vertreten. Clemens von
Alexandrien betrachtete Rache als etwas, das nicht zu Gottes Wesen
passt. Denn Rache ausüben wäre nichts anderes als "Böses
mit Bösem zu vergelten, wohingegen Gott den Gezüchtigten um
seines eigenes Wohles willen züchtigt". Origenes [35]
meinte beispielsweise: "Und ich bin der Überzeugung,
dass er (Gott) die Lasterhaftigkeit auch in
geordneter Weise (einmal) ganz und gar vertilgt, zum Heile des
Ganzen." und "Wie es bei den körperlichen
Krankheiten und Wunden einige gibt, die durch keine ärztliche
Kunst geheilt werden können, so ist es andererseits, wie wir
behaupten, unwahrscheinlich, dass bei den Seelen ein von der Sünde
herstammendes Gebrechen vorhanden sei, das unmöglich von der
über allen waltenden Vernunft und von Gott geheilt werden
könnte".
Diese
Auslegungen passten allerdings so gar nicht zu der Ideologie anderer
Kirchenmänner, die auch in das neu aufkommende Christentum die
bereits von vielen heidnischen Religionen gut eingeführte Höllenlehre
integrieren wollten. Es hat sich als ein
Disziplinierungsinstrument erster Güte
bewährt, mit denen Mitglieder willig gemacht wurden, regelmäßig
in die geweihten Gemäuer zu pilgern und ihren Obolus abzugeben.
Beides mehrte die Macht und den Reichtum der jeweiligen religiösen
Elite.
Origenes,
genannt „der Diamantene“, drohte diese Aussicht zu
zerstören. Obwohl er ein Mann der Kirche sein wollte, wurde er
zum Einzelgänger. „Es gibt in der Kirche keinen Denker“,
so der katholische Hans von Baltasar,
„der so unsichtbar -allgegenwärtig geblieben wäre wie
Origenes“. Kirchenväter wie Ambrosius von Mailand
schrieben von ihm ab. Seine Produktivität, die Schätzungen
liegen zwischen 2000 bis 6000 Veröffentlichungen, war
gigantisch.
Origenes
lebte in ungemütlichen Zeiten. Als er 17 Jahre alt war, wurde
sein Vater wegen seines christlichen Glaubens hingerichtet. Der Asket
Origenes selbst wurde im Alter von 65 Jahren während der
Christenhatz unter Decius inhaftiert und gefoltert. Gelebt hat er
zunächst in Alexandria und später dann in der
palästinensischen Hafenstadt Cäsarea.
Er war Priester, wurde anerkannter Hebräisch-Experte und lebte
zölibatär, was für ihn kein
großes Problem darstellte; er hatte sich in jungen Jahren
selbst kastriert.
Seine
Lehre über die Wiederbringung Aller ist nur in Andeutungen
rekonstruierbar aus seinem Hauptwerk Peri Archon (Über die
Ursprünge), in dem es zusammenfassend heißt: „Die
Güte Gottes wird durch Christus die ganze Welt zur
ursprünglichen Einheit bringen.“
Das alles blieb keineswegs nur Schriftwerk, sondern wirkte unter den Mönchen und Nonnen weiter, die sich in den Wüsten Ägyptens, Palästinas und Syriens anzusiedeln begannen, in der Absicht, ein engelsgleiches Leben zu führen.
Ein Nachfahr des Origenes, ein gewisser Euagrios Ponticos, führte das Erbe Origenes' in seinen Werken weiter aus. 346 in der Provinz Pontus (nordwestlich der Türke) geboren, kam er als junger Mann nach Konstantinopel, wurde zum Diakon geweiht und machte sich einen Namen als Prediger. Er hatte Umgang mit seinen berühmten Landsleuten Gregor von Nyssa, dessen Bruder Basilius dem Großen und Gregor von Nazianz, den so genannten drei Kappadokiern, und ließ sich dann 382 unter den Mönchen in Ägypten nieder, wo er den Rest seines Lebens verbrachte.
Der Kirchenvater Gregor von Nyssa (335-394) lehrte die Rettung aller Menschenseelen, die nach ihm von vielen in der byzantinischen Orthodoxie geteilt wurde. Er sagte, dass "es nicht hauptsächlich und primär Strafe ist, was Gott den Sündern auferlegt, sondern Er handelt ..., nur um das Böse von dem Guten zu trennen und es in die segensvolle Gemeinschaft zu ziehen". Die hier angesprochene Gemeinschaft ist eine Gemeinschaft, die so aussehen wird, dass alle Geschöpfe "in ihrem Verlangen und Wünschen dasselbe Ziel (nämlich Gott) haben werden und dieses Ziel auch (an)schauen werden, und zwar ohne das noch irgendwas Böses in ihnen anzutreffen wäre". Auch andere Kirchenväter wie Didymus der Blinde, Diodor von Tarsus und Theodor von Mopsuestia lehrten die Apokatastasis.
In den 100 Jahren nach dem Tod des Origenes hatten sich die Lehren des diamantenen Meisters bis ans Schwarze Meer verbreitet, wo Euagrios und die Kappadokier herkamen. Die Zeit der Christenverfolgung war zu Ende. Die bescheidenen Hauskreise der Urchristen mutierten zu einer prunkvollen Reichskirche, und in ihr spielten die Kappadokier eine führende Rolle. Alle drei waren Anhänger des Origenes, gemäßigte allerdings, während Euagrios den Diamantenen radikalisierte, was die arrivierten Kirchenleute selbst nach seinem Tod so ärgerte, dass sie ihn mit einer feierlichen Verfluchung zumindest den Tod unangenehm gestalten wollten. Ob Gott das wohl gekümmert hat?
Bereits als Euagrios noch in der nitrischen Wüste meditierte (80 km nördlich vom heutigen Kairo), wurde der erste Angriff gegen die Anhängerschaft des Origenes durchgeführt. Ein gewisser Epiphanos, ein Ketzerhammer der Spitzenklasse, reiste im Jahr 393 von seinem Bischofssitz auf der Insel Zypern in seine Heimat Palästina und machte in Jerusalem Stimmung gegen die Origenisten, sehr zum Ärger des dortigen Bischofs, der ebenfalls zur origenistischen Fraktion gehörte und sich diese Einmischung verbat.
Der heilige Hieronymus, der in Bethlehem als Abt eines von ihm gegründeten Klosters saß und dort die „Vulgata“ (eine Revision der lateinischen Bibeln) schrieb, lies sich davon beeinflussen und vollzog eine ideologische Kehrtwendung. Quasi über Nacht wandelte er sich von einem Verehrer des Origenes zu dessen Feind, aus Furcht vor dem Verdacht der Häresie - ein früher Wendehals. In seiner Erklärung des Propheten Jesaja offenbart er sich doch: Er schreibt dort, dass die Verdammten später reichlicher Tröstungen teilhaftig werden, dies aber geheim gehalten werden müsse, damit die Gläubigen aus Furcht vor den ewigen Höllenstrafen nicht sündigen.
Inzwischen
war aber auch der Patriarch von Alexandria
umgekippt, der mit den origenistischen Mönchen in der nitrischen
Wüste disziplinäre Schwierigkeiten hatte. Er ließ im
Jahr 400 auf einer Synode den Origenismus verurteilen und warnte die
ägyptischen Christen in Briefen, die während der
Ostergottesdienste verlesen wurden, vor den Blasphemien, dem Wahnsinn
und den verbrecherischen Irrtümern des Origenes, den er die
Hydra aller Irrlehren nannte.
Und das, obwohl der diamantene Chefideologe sehr prominente Freunde
hatte. In Konstantinopel zum Beispiel wurde der heilige Chrysostomos
in die Affäre verstrickt, weil er einigen aus Ägypten
geflüchteten Mönchen von der origenistischen Partei Asyl
gewährt hatte. Er musste deshalb in die Verbannung nach
Armenien, von der er nicht mehr zurück kehren sollte.
Schließlich verurteilte der Bischof von Rom einige Sätze
aus den Schriften des Origenes, wobei sich herausstellte, dass diese
Passagen gefälscht waren.
Die frohe Botschaft, dass Gott einmal jeden Mensch zu sich ziehen wird, hat sich dennoch nicht völlig unterdrücken lassen. Jener Stephan bar Sudaili, dessen bohrende Frage anfangs zitiert wurde, gilt als der Verfasser einer Schrift, die als "Buch des Hierotheus" die Zeit überdauert hat. In dem Werk steht eine Passage, die an 1. Kor. 15:25-28 erinnert und deren Radikalität in der gegenwärtigen christlichen Beliebigkeit von erstaunlicher Frische ist: "Die Züchtigung, mein Sohn, wird ein Ende haben, der Geißler wird nicht länger geißeln, der Richter nicht mehr richten, der Gefangene wird befreit. Die Dämonen und die Menschen werden begnadigt, die Engel beendigen ihren Gottesdienst, die Seraphim beschließen ihre Lobpreisungen, die Throne bewachen nicht länger ihre Herrschaft. Die übernatürlichen Ordnungen werden ebenso verschwinden wie die natürlichen Unterscheidungen, und alles wird eins. Wenn nämlich alle Unterschiede dahin sind, wer soll dann Fragen stellen, und wonach? Wer soll dann antworten, und worauf?"
Dennoch wagten es bis ins Mittelalter nur wenige, wie der Erzbischof Anselm von Canterbury (um 1033 bis 1109), zu bekennen, dass "göttliche Güte so groß ist, wie sie größer nicht gedacht werden kann" und dass Gottes Gerechtigkeit mit grenzenloser Barmherzigkeit gleichgesetzt werden müsse. Der Nachwelt erhalten ist auch, dass im 9. Jahrhundert der bedeutende irische Theologe Johannes Scotus Erigena, der 30 Jahre lang (850-880) die Hochschule am Hof Karls des Kahlen leitete, in seinem Werk die Sicht vertrat, dass sich Gott einmal mit allen Menschen versöhnen wird. [36, S.46].
Stärkere Verbreitung fand die biblisch fundierte Ablehnung der Höllenlehre erst wieder bei einigen Reformatoren, wie Martin Bucer (1491-1551) und dem deutschen Täuferführer Hans Denk (1495-1527). Im Fall der Täufer ist beispielhaft ein Grund für die Ablehnung der Sicht der Allversöhnung überhaupt zu erkennen. Weil die Großkirche aus anderen Gründen die Täufer ablehnte, wurde auch die von ihnen vertretene Allversöhnung als Bestandteil des "Pakets" mit abgelehnt und verketzert. Ähnlich war es bei der Ablehnung der Apokatastasis Panton des Origenes.
Auch die bibeltreue Reformbewegung des Pietismus
(ab 1650), deren positive Auswirkungen insbesondere in Süddeutschland
immer noch spürbar ist, verurteilte die katholische Höllenlegende
als grauenvolles Märchen [49]. Deren
Superintendent Johann Wilhelm Petersen (1649-1727) führt
folgende klassische Definition an: Es ist das ewige Evangelium
eine fröhliche Botschaft von der Wiederbringung aller, da
verkündigt wird, wie dass alle Kreaturen, sie seien im Himmel,
auf Erden und unter der Erden, im Meer und in allen Tiefen, doch eine
jegliche in ihrer von Gott bestimmten Zeit und Ordnung nach
ergangener Läuterung hier in dieser Zeit oder in den zukünftigen
Äonen nach rückstelligen Gerichten auf die allergerechteste
Art und Weise des gerechten und gütigsten Gottes durch Jesum
Christum, den Anfang und Ende der Kreatur, den Wiederbringer aller
Dinge, Versöhner und Friedenmacher, von der Sünde und
Strafe der Sünden sollen errettet und in den vorigen Zustand,
darin sie waren, ehe die Sünde war, und noch in einen besseren
zum Preis, Ehre und Herrlichkeit des allerheiligsten und allmächtigen
Schöpfers versetzt und wiedergebracht werden. Die
Grundeinstellung teilten auch andere Pietisten, die die evangelikale
Landschaft nachhaltig geprägt haben, wie Christian Gottlieb
Pregitzer (-1824), Michael Hahn (gest. 1819) [40;
S.88-93], Friedrich Christoph Oetinger (gest. 1782) [33;
S.123], Johann Albrecht Bengel (gest. 1752) [39;
S.111-118], Jung-Stilling (gest. 1817) und die beiden
Blumhardts, Vater (gest. 1880) und Sohn (gest. 1919). Der junge Blumhardt erkannte: "Eine Hölle zu statuieren, wo Gott in alle Ewigkeit nichts mehr zu sagen hat, das heißt, das ganze Evangelium aufzulösen". Durch die
missionarischen Bestrebungen eines George de Benneville und den
deutschen Täufergruppen wurden diese Auslegungen in Nordamerika
verbreitet, wo sie dann vor allem durch Unitarier großen
Einfluss gewannen.
Obgleich mittlerweile viele Christen
unterschiedlichster theologischer Prägungen die Aussöhnung
des Alls erkennen können, bekennen sich dennoch nur relativ
wenige Gruppen geschlossen dazu, wie beispielsweise die ehemalige
Universalist Church of America (1793-1961) und die
Bibelkonferenzstätte
Langensteinbacher Höhe (Hartmut
Maier-Gerber u.a.), die Evangelisch-Freikirchliche
Gemeinde Berlin-Hasenheide, die Gemeinde unter Gottes Wort
in München sowie die niederländische
Gemeinde Eben-Haëzer
in Rotterdam. Zu nennen sind auch besonders aus dem freikirchlichen
Bereich der Bund gläubiger Lehrer und Akademiker" (Walter
M. Borngräber, Adolph
Heller, Karl
Geyer), Heinz
Schumacher, Adolph
Ernst Knoch, Theodor Böhmerle, Arthur
Muhl und der Bibelübersetzer Fritz H. Baader.
Nicht überraschend ist, dass sich auch
Theologieprofessoren wie Ernst
Ferdinand Ströter und Wilhelm
Michaelis von der Höllenlehre
getrennt haben. Der angesehene
Bibelgelehrte Wilhelm Michaelis kam zu der Einsicht, dass die Lehre
von der Allversöhnung "in der Schrift an den
verschiedensten Stellen und mit bemerkenswerter, zudem durch keine
Lehre von der ewigen Verdammnis gestörter Einmütigkeit
bezeugt" ist. Nach
sorgfältiger Prüfung aller biblischen Belegstellen kommt
Michaelis zu dem Schluß: "Wie stark oder schwach
die Allversöhnung bezeugt ist, sie ist die einzige Auskunft, die
uns die Schrift über die allerletzten Ziele des Heilsplans
Gottes gibt."
Zunehmend widmeten sich wieder Theologen der Untersuchung der eigentlichen Aussagen der Bibel. Sie nahmen dabei keine große Rücksicht mehr auf die tradionellen Lehrmeinungen.
Einer der größte Theologen des 19.
Jahrhunderts, Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, empfand so die
Vorstellung von der ewigen Verdammnis als unerträglich, weil
damit der größte Teil der Menschheit unwiederbringlich
verloren wäre und damit der Sieg der göttlichen Liebe
unvollendet bliebe.
Der Professor für Systematische Theologie Jürgen Moltmann argumentierte in seiner
"Theologie der Hoffnung" gegen die katholische Höllenlehre. Moltmann zufolge geschieht die Versöhnung des Alls, die er im Kreuzestod Christi begründet sieht, durch das Weltgericht, in dem Gott einerseits alle Sünden vernichten und andererseits alle Sünder "aus ihrem tödlichen Verderben durch Verwandlung zu ihrem wahren, geschaffenen Wesen" retten werde [50, S.262-284].
Auch der Basler Professor Ernst
Stähelin bezog klar Stellung für die Allversöhnung. Der konservative Theologe Karl Barth,
der größte Theologe des 20. Jahrhunderts, schreibt: Es
gibt kein Recht, es sich verbieten zu lassen, dass in der
Wirklichkeit Gottes immer noch mehr, als wir erwarten dürfen,
dass in der Wahrheit dieser Wirklichkeit auch die überschwängliche
Verheißung der endlichen Errettung aller Menschen enthalten
sein möchte. Ebenso haben Hans Urs von Balthasar [47], Herman Schell
(kath. Würzburger Dogmatiker, dessen diesbezügliches Werk
"Gott und Geist" [48] auf dem Index landete), Paul Tillich u.a. die Höllenlehre abgelehnt. Einen wichtigen Beitrag leistete auch die Professorin für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Bern mit ihrem Werk "Allerlösung"[52].
Aus dem slawischen Bereich ist Waclaw Hryniewicz zu nennen, Theologieprofessor an der Katholischen Universität zu Lublin und Leiter des dortigen ökumenischen Instituts. Hryniewicz knüpft die Apokatastasis an die von ihm im seinen dreibändigen Werk postulierte Theologie der Passah Christi an. Vgl.: Chrzescijanstwo nadziei, Krakow 2002.
Der lutherische Theologe und Autor einer Monographie über den großen russischen Theologen Berdjaev Wolfgang Dietrich analysiert die Wiederbringung aller bei Berdjaev im ethisch-heilsgeschichtlichen Spektrum. Er betont dabei den allen russischen Denkern gemeinsamen Einspruch gegen die westliche augustinisch-juristische Sühne-Theorie (satisfactio) zugunsten einer offenen Heilserwartung, in der es keinen Denkraum für die strafende Vergeltung Gottes gibt: "Nicht nur müssen alle Gestorbenen vom Tode errettet und erweckt werden, sie müssen auch von der Hölle befreit und aus der Hölle herausgeführt werden. Darin besteht die letzte und äußerste Forderung der Ethik." Die Nicht-Möglichkeit einer bleibenden Hölle stellt für Berdjaev die Richtschnur der christlichen Zukunftserwartung dar und widerspricht der Pädagogik der Angst mit der Androhung ewiger Verdammnis.
Leider aber ist aber die böse Saat der Höllenlehre bereits großflächig verstreut worden und nur noch schwer aus manchen besonders evangelikal geprägten Köpfen zu entfernen.
Billy Graham, der weltweit bekannteste Evangelist, sagte laut "ideaSpektrum 35/06" gegenüber dem Magazin Newsweek, dass er glaubt, "dass Gottes Liebe umfassend ist und dass er seinen Sohn für die ganze Welt gab. Jeder wird geliebt, unabhängig davon, was für ein Etikett [es ging um Angehörige anderer Religionen] er trägt". Dies wurde von idea als Bekenntnis zur Allaussöhnung ausgelegt.
Längst ist geklärt (mehr...), dass der eigentlich heidnische Begriff „Hölle“ zu Unrecht in einige Bibelübersetzungen kam. Ebenso widerspricht die Höllenlehre wesentlichen Aussagen der Bibel über Gott und dem Kontext (mehr...) der Bibel insgesamt.
Bleibt nur noch die Frage, warum die europäischen Völker so lange an den bösartigen Unsinn glauben mussten, gegen den sich der junge Mönch am Beginn der christlichen Ära bereits aufgebäumt hatte. Nicht er war der Ketzer, wie sich im Nachhinein zeigt, sondern im Irrtum befanden sich die 400 Bischöfe und 800 Abte, die das Dogma von der Ewigkeit der Höllenstrafen verabschiedet haben, im November 1215 in Rom, unter jenem Papst Innozenz, der sechs Jahre zuvor den Kreuzzug gegen die südfranzösischen Albigenser befohlen hatte - das erste Genozid aus Gesinnungsgründen.
Vertreter der biblischen Allaussöhnung werden auch heutzutage noch mancherorts als Ketzer oder Irrlehrer beschimpft und oft sogar aus "christlichen" Gemeinden vertrieben oder es wird ihnen Redeverbot auferlegt. Besonders ist dies in "frei"-kirchlichen und evangelikalen Mileus festzustellen.
So gesehen wirkt die Geschichte der Allversöhnungslehre wie ein düsteres Gemälde der verfinsterten Vernunft, das nur von wenigen Blitzen erhellt wird. Das Licht vom Himmel, wie Nikolaus Lenau es genannt hat, setzt sich nur mühsam durch - aber gelegentlich doch.